Ernest Hemingway hat ihm den Namen „Italiens Florida“ gegeben. Dabei war Lignano
damals, vor 50 Jahren, noch ein eher stiller Fischerort. Heuer feiert das Seebad
Geburtstag
LIGNANO EINST & HEUTE Vor 50 Jahren ging Hemingway in den Lagunen von Lignano
auf Entenjagd und schrieb zier den Roman „Über den Fluss und in die Wälder“.
Heute stehen 12 000 Sonnenschirme am Strand des italienischen Seebades.
Irgendwo Sand in Sicht? Nur hier und da ein paar Flecken. Dafür jede Menge
Riesenpilze in Blau, Grün und Orange. Sie verstellen den Blick auf den Strand
von Lignano. Schon morgens vor neun hat hier der mediterrane Abschirmdienst
ganze Arbeit geleistet und jede Liege mit einem Schattenkreis versorgt. Rund 12
000 Sonnenschirme stehen stramm
wie angetretene Soldaten auf der acht Kilometer langen Halbinsel Lignano, gut 80
Kilometer nördlich von Venedig. Klingt nach Teutonengrill, ist aber keiner. Denn
es sind wenig Teutonen hier, sie kommen zahlenmäßig erst nach Italienern und
Österreichern. Anders als bei den Adria-Nachbarn Jesolo und Bibione fehlen in
Lignano auch die typi-
schen Begleiterscheinungen des Massentourismus. Hier mal eine Schaumparty in der
Hoteldisco, dort eine Bikini-Show – ja, so was gibt’s, aber nur im vorderen,
lebhaften Drittel Lignanos namens Sabbiadoro. Pineta, der
Mittelteil der Halbinsel und erst recht Riviera, das Ende, sind ruhige, in
Pinienwäldchen gelegene Urlaubsresorts mit kleinen Hotels und Apartment-Häusern
in schmalen Gassen.
Vor 50 Jahren sagte sich der Ort Lignano von de r nächstgrößeren Stadt Latisana
los und begann seinen Aufstieg als Seebad. Und an manchen Orten von Lignano
scheint es , als sei das erst gestern gewesen. Im Ristorante Santin etwa, das
herrlich nostalgisch mit Muschelnetz-Deko daherkommt, am lila angestrahlten
Sechzigerjahre-Springbrunnen und an den putzig-bunten Strand-Umkleidekabinen.
Der zweite Blick zwingt zur Urteils-Revision: Alles ziemlich gepflegt hier,
renoviert und preiswert, nicht überlaufen und sehr kinderfreundlich. Letzteres
natürlich vor allem wegen der Badewanne Adria, die selbst 300 Meter vom Strand
entfernt knietief und lauwarm ist. Ideal für Baywatch-Daddys, die bäuchlings auf
der Luftmatratze die Kinder beim Plantschen beaufsichtigen und Sonne tanken.
Manch einer dieser
Bräun-Bären entfaltet danach sein Talent als Strandarchitekt und modelliert mit
dem Nachwuchs fleißig Sandburgen. Familien mit Kindern jenseits des
Sandkastenalters landen früher oder später im Riesenspaßbad Aquasplash, im
Gulliverlandia inmitten von haushohen Dinos, im Zoo oder einer anderen der neun
Bespaßungs-Zentren. Vielleicht hat Schriftsteller Ernest Hemingway das alles
schon vorausgesehen, als er Lignano das Etikett „Italiens Florida“ verpasste.
Vielleicht hat er aber auch nur den endlosen Sandstrand gemeint. „Vielleicht war
er aber auch gar nicht hier“, sagt Pierfrancesco Bocus augenzwinkernd. Er ist
Präsident des Hotelverbandes von Lignano und hat schon viele Geschichten um
Hemingway gehört. Auch die, dass man dem Autoren von „Der alte Mann und das
Meer“ ein strandnahes Grundstück geschenkt habe, in der Hoffnung, er werde sich
hier niederlassen. Hemingway kam nie wieder und ist doch geblieben. Als
Namensgeber für einen Park sowie für Lignanos alljährlich verliehenen
Literaturpreis. Und als Reisebegleiter, denn in der Umgebung stößt man immer
wieder auf seine Spuren. Im gut 40 Kilometer entfernten Caorle etwa. Auf
Hemingway-Art werde der Fisch hier zubereitet, verkündet ein verwittertes Holz-
brett am Ristorante Da Nappa. Pizza gibt’s hier nicht. Angenehmer Nebeneffekt
des Fladen-Boykotts: Das Lokal mit dem besten Blick auf die Piazza San Pio X ist
nie überfüllt. Beim Verdauungsspaziergang an der Promenade glaubt man schon
wieder, Hemingway ins Gesicht zu blicken, doch es ist das bärtige Konterfei von
Meeresgott Neptun. Hemingway hat sich eher im Hinterhof Caorles und wohl auch
Lignanos herumgetrieben – in den Lagunen. Hier ging er mit seinem Gastgeber,
Baron Raimondo Franchetti, auf Entenjagd. Die Faszination dieser Wasserwelt aus
Kanälen und Schilf-Dschun-gel kann man nachlesen – in Hemingways Roman „Über den
Fluss und in die Wälder“. Oder „erfahren“ – mit Ausflugsdampfern wieder Europa.
Der Kapitän steuert sachte an schilfgedeckten Hütten vorbei. Casoni heißen sie
und waren früher Behausungen der Fischer während der Fangmonate. Einige sind bis
heute in Betrieb, auch als eine Art Freilichtmuseum, in denen Besucher am
offenen Kaminfeuer mit Frutti di Mare begrüßt werden. Dazu das eine oder andere
Gläschen Friaulischer Weißwein. Damit man danach noch weiß, wo es nach Hause
geht, steht ein Wegweiser – mitten im Wasser. Später, beim Einlaufen in Lignanos
Hafen, sind die 12 000 Sonnenschirme alle eingeklappt und Sand und Land nun
bestens in Sicht. Stephan BrünjeS
REISE-INFOS ZU LIGNANO
REISEZIEL Der Badeort Lignano liegt an der italienischen Adria in der Region
Friaul-Julisch Venetien etwa genau zwischen Venedig und Triest (80 bzw. 100
Kilometer Entfernung). Lignano zerfällt in drei Teile: Sabbiadoro im Nordosten,
Pineta und Riviera (an der Mündung des Flusses Tagliamento).
ANREISE von München mit dem PKW über die Salzburger und die Tauernautobahn. Am
Knoten Villach Abzweig nach Friaul-Julisch Venetien. Gesamt rund 500 Kilometer.
WELCHER REISETYP
Italien-Nostalgiker, die noch nicht zur toskanischen Landadel-Fraktion
gewechselt sind und der Adria-Sehnsucht der 50er-Jahre hinterherreisen wollen.
WOHNEN z. B. Apartments für vier bis fünf Personen gibt es im „Haus Gilda“ in
Lignano Riviera (je nach
Saison zwischen 199 und 980 Euro pro Woche,
www.agenzia-lignano.it ).
KULINARISCH Ristorante Da Nappa, Caorle, Piazza Pio X, 8. Spezialität: Spaghetti
ai xotoi (kleine Tintenfische), Tel. 0039/ 0421-818 54. Gutes Eis in der Bar
Gelateria Kristal, Via Tolmezzo 46c, Lignano. Besonders lecker: Coppa Tiramisu
oder Tartufo.
ATTRAKTIONEN Lagunenfahrt mit der MS Europa, vier Stunden inkl. Besichtigung der
sehr schönen Stadt Grado: 16 Euro pro Person. Ausflüge nach Venedig und Triest
unternimmt man am besten per Auto, da die angebotenen Bus- und Schiffstouren
zumeist viel Zeit damit verbringen, weitere Gäste aus anderen Orten in der Nähe
Lignanos „einzusammeln“. Im Sommer am Strand von Lignano Beach-Soccer und
gelegentlich Auftritte von DJs wie Fatboy Slim.
WEITERE INFOS über das Italienische Fremdenverkehrsamt Enit in München, Tel.
089/53 13 17, im Internet:
www.enit-italia.de Hotelverband CAL (Consorzio Alberghi Lignano), Infos im
Internet unter www.hotelslignano.net und Consorzio Locazioni Turistiche Lignano
www.ltl.it
Münchner Merkur/tz Nr. 186, Freitag/Samstag/Sonntag, 14./15./16. August 2009